Unwetternachlese: Der 10.August in Friaul
Lokalaugenschein und Meteo-Analyse

Written by Gisela & Franz. Posted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch, Menschen

Nach wie vor gibt es bei uns im Friaul kaum ein anderes Gesprächsthema als die Unwetter des späten Nachmittags am Donnerstag, dem 10.August. Die Schäden in der Region werden auf mindestens 100 Millionen Euro geschätzt. In Friaul wurde offiziell der Notstand ausgerufen. Wir waren in unserer Gegend auf einen Lokalaugenschein, und zwar vor allem in der Gemeinde Camino al Tagliamento, die etwa acht Kilometer von unserem Wohnort Varmo entfernt ist.

In Camino sind besonders schöne Weingärten ganz schlimm vom Sturm getroffen. Auf vielen Hektar Fläche sind ganze Weinreihen umgestürzt, Zement- und Holzpfähle gebrochen, die Reben zum Boden gebogen, teils auch abgebrochen. Es sind Pinot-Grigio-Reben, voller prachtvoller Trauben, im Grunde reif für die Lese. Jetzt liegen viele am Boden. Normalerweise werden diese Weingärten maschinell geschnitten und geerntet. Das ist für heuer jedenfalls vorbei. Wie wohl gelesen werden wird? Das muss möglichst rasch geschehen und mit der Hand, denn eine Maschine kann da nicht mehr eingesetzt werden. Und das bei den riesigen Flächen! Dann müssen hunderte von Pfählen neu gesetzt, Drähte neu gespannt und wahrscheinlich große Flächen überhaupt neu bepflanzt werden. Ein enormer Schaden für den Besitzer.

Uns kommen fast die Tränen bei dem Anblick. Wir haben diese zu jeder Jahreszeit malerischen Weingärten für unsere Friaul-Bücher in den vergangenen Jahren schon mehrfach fotografiert, z.B. nach der Lese oder im Winter, wenn an klaren Tagen die verschneiten Berge ganz nahe gerückt scheinen. Wir stellen hier die Fotos nebeneinander!

Nicht weit von diesen Weingärten – auch in Camino – ermöglicht uns eine Pappelplantage einen weiteren direkten Vergleich (Diese Pappeln werden für die Cellulose-Industrie so in Reih’ und Glied gepflanzt). Hier hat der Sturm viele der jungen Bäume umgebrochen. Zum Vergleich ein Bild vom vergangenen Mai mit dem rotblühenden Mohn unter diesen Pappeln. Wie traurig zu sehen, was erst die Trockenheit und nun der Sturm angerichtet haben! Das Unwetter hat in Pappelplantagen auch noch viel stärkere Bäume zu Fall gebracht, was wir etwas südöstlich von unserem Wohnort Varmo an der Straße von Udine beobachten.

Zurück nach Camino: Hier wie in unserer ganzen Gegend haben viele riesige Bäume dem Unwetter nicht standgehalten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel entdecken wir gleich nach der Abzweigung nach Pieve di Rosa in einem landwirtschaftlichen Betrieb: Dort ist ein Baumriese richtig zerborsten.

Es gab an diesem späten Nachmittag des 10.Augusts im Veneto und in Friaul Julisch Venetien Windgeschwindigkeiten bis über 130 km/h. Und es waren nicht nur verschiedene Windhosen bzw. tornadoartige Wirbel (‚trombe d’aria’)- die gab es auch-, sondern es gab vor allem ein ungewöhnliches Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die zu sogenannten ‚Downbursts’ führten, erklären Meteorologen der Associazione Meteotriveneto heute in den Medien. Ein Downburst ist eine Gewitterfallböe mit extremen Windgeschwindigkeiten, die Orkanstärke, also mehr als 120 km/h erreichen können. Man kann sich das wie eine riesige, kalte Luftsäule vorstellen, die mit großer Geschwindigkeit zur Erde stürzt und sich dann waagrecht in verschiedene Richtungen ausbreitet mit extrem hohen Geschwindigkeiten.

So ein Downburst kann sich entwickeln aus der Thermik beim Aufeinandertreffen sehr heißer und kühler Luftmassen in Gewitterzellen. Die Grafik hier zeigt diesen Mechanismus. Die Intensität solcher Downbursts wird in der sogenannten Torro-Skala ausgedrückt, die Stufen von T0 bis T10 umfasst. Die am 10.August in Friaul in verschiedenen Teilen des Landes gemessenen mehr als 130 km/h entsprechen der Stufe T2 dieses Wetterphänomens. Bei solchen Downbursts wehen die Sturmeffekte jeweils in eine bestimmte Richtung, weshalb Bäume, Verkehrsschilder etc. in eine einzige Richtung stürzen. Das ist bei einem Tornado bzw. einer ‚tromba d’aria’ nicht der Fall. Und das Wetterphänomen Downburst erklärt auch, warum so große Teile Venetiens und Friauls davon betroffen waren.

Wir finden jedenfalls angesichts der schweren Schäden in 120 friulanischen Gemeinden: auch wenn in unserem eigenen Garten in Varmo eine Zypresse umgestürzt ist, der Nussbaum drei riesige Äste eingebüßt hat und im Weingarten wegen gerissener Drähte einige Reben umgestürzt waren (was sich gut beheben ließ) – wir haben noch Glück gehabt!

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