Archiv für Juli, 2013

Grado nach den Gewittern

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch

Der erste Regen seit mehr als einem Monat hat Erfrischung gebracht. In Form von zwei Gewittern ist er am Montag niedergegangen, am Nachmittag eingeleitet von heftigen Sturmböen. Der Regenmesser in unserem Garten zeigt dann am Dienstag in der Früh 40 mm Niederschlag an. Alle Pflanzen freuen sich. Und die Luft ist ganz erfrischend, das Licht sensationell klar. Ein Tag wie bestellt um in Grado eine Foto-Runde zu drehen, finden wir.

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Schon unterwegs scheinen die Berge zum Greifen nah. Von der Straße hinein nach Grado aus sehen wir die Lagune wie in intensiven Farben gemalt. Erst einmal spazieren wir die Promenade entlang. Man kann heute tatsächlich bis Lignano hinüber sehen! Das Meer bildet einen tintenblauen Horizont. Im Ort und am Strand sind noch diverse Aufräumarbeiten im Gang, der Sturm von gestern ist offenbar auch über Grado hinweggefegt und hat kleinere Äste und Blätter abgerissen. Am Strand liegen Büschel von Miesmuscheln, die der heftige Wellengang gestern von den Stegen abgerissen haben muss. Die Möwen hacken die Muscheln mit dem Schnabel auf und finden offenbar: Mhhh, leckeres Muschelfleisch-Frühstück! Die ersten Badegäste sind im morgendlichen Gegenlicht scherenschnittartige Silhouetten. In der Altstadt drinnen beginnt es lebendig zu werden. In der Basilika Santa Eufemia beten und singen einige Frauen, daneben in Santa Maria delle Grazie und im Lapidarium sind wir als Besucher allein. Wir können die frühchristlichen und mittelalterlichen Kunstwerke ungestört genießen.

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Drüben in der alten Markthalle kommen wir mit Giancarlo Petarin, seiner Frau Marina und seinem Sohn Alessandro ins Plaudern. Sie verkaufen vielerlei friulanische Spezialitäten, mittendrin auch die Weine unserer Winzerfreunde Komjanc. Kein Wunder, dass wir nun, da es schon Mittag ist, Hunger bekommen. Oben am Kopf des Erzengels, des Anzolo, der den Turm der Basilika ziert, sitzt eine Möwe und schreit, als ob es ihr ähnlich ginge. Und so führt unser Weg hinüber zum Hotel Ristorante Marea. Hier bei Luisa und Alessandro Gordini isst man nämlich nicht nur vorzüglich Fisch, man sitzt auch auf der wahrscheinlich schönsten Terrasse von Grado direkt an der Promenade mit ungehindertem Blick aufs Meer. Fritto misto und das typisch Gradesische Gericht Boreto, eine Mischung aus verschiedenem gedünsteten Fisch, schmecken vorzüglich. Am Nebentisch beschäftigen sich Luisa, Alfredo und seine Schwester mit der kleinen Tochter Giorgia. Eine bezaubernde kleine Prinzessin! Danach genehmigen wir uns noch ein Eis am Hafen und fahren rundum zufrieden wieder zurück nach Varmo.

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Cormons: Oper beim Winzer

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch

Oper in einer Arena – kennen wir! Nach Verona fahren wir immer gerne.

Oper auf einem Platz – kennen wir, auf der schönen Piazza von San Vito.

Aber Oper beim Winzer? Das ist ganz was Neues! Die Enoteca Cormons schickte die Einladung: „L’Elisir d’amore“, also der „Liebestrank“ von Gaetano Donizetti „tra vigneti e cantine“, zwischen Weingärten und Weinkellern, stand da zu lesen. Zum ersten Mal würde der „Belcanto“, der schöne Gesang, mit dem guten Wein des Collio eine Symbiose eingehen. Erster Akt in der Azienda Blazic, zweiter Akt in der Azienda Edi Keber. Kein Zweifel, da müssen wir hin!

Per Mail leiten wir diese Einladung an unsere Winzerfreunde Komjanc in Giasbana weiter. „Andiamo insieme? Gehen wir gemeinsam dort hin?“ „Wie schön! Dann sehen wir uns am Sonntag! Kommt um 18 h und wir essen vorher etwas bei uns!“ lautet die Antwort.

Als wir dann am Sonntag in Giasbana ankommen, hat Raffaella ein wunderbares Abendessen vorbereitet: Spaghetti mit Meeresfrüchten, Carpaccio von Schwertfisch und Lachs. Dann gibt’s noch ein Stück von der Geburtstagstorte von Mosè. Der ist ja dieser Tage acht Jahre alt geworden. Er schwärmt noch richtig vom Geburtstagsfest mit seinen Freunden.

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Kurz vor 20 Uhr geht es ins nahe Zegla bei Cormons. Die Weingärten rundum sind in malerisches Abendlicht getaucht. Hinten die Hügel, das sind schon Weingärten in Slowenien. Ein paar Schritte hinauf zur Azienda Blazic. Zwischen zwei Gebäuden sind Stühle aufgestellt, die Bühne hat als „Kulisse“ die riesigen runden Heuballen. An einer Seite singt sich Dulcamara ein. Maestro Alessandro Svab, Initiator der Veranstaltung und Dirigent in Personalunion, gibt ein paar Informationen zur internationalen Gesangsschule „Accademia Lirica Santa Croce Trieste“ und weist darauf hin, dass der Sänger des Nemorino heute sein Debut hat. Wir sind gespannt. Mit Verspätung geht es los. Die Sänger werden per elektrischem Klavier begleitet, so wie bei Proben der Korrepetitor das Orchester ersetzt. Debutant Nemorino macht seine Sache von Anfang an sehr gut, die von ihm angebetete Adina ist stimmlich bemüht, Belcore, den Adina zu heiraten gedenkt, überspielt Unsicherheiten souverän. Aber Dulcamara hat stimmlich und komödiantisch sofort alle Herzen auf seiner Seite.

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Nach der Hälfte des 1.Aktes stoppt Maestro Svab den Lauf der Dinge: „Wir haben später begonnen als geplant, es ist jetzt schon so dunkel, dass wir hier nicht mehr gut sehen. Wir setzen also am zweiten Spielort in der Azienda Keber fort.“ Also wandert das Publikum, es dürften über 200 Personen sein inklusive Raffaella, Roberto, Mosè und uns, etwa 150 Meter den Hügel bergab bis zur Azienda von Edi Keber. Unterwegs versorgt eine Labestelle Durstige mit Wasser. Die Weingärten rundum haben das Dunkelblau der Nacht angenommen. Zwischen dem Wohnhaus und dem kleinen Gebäude mit dem Verkostraum suchen sich nun alle ihre Sessel ….. und weiter geht’s. Statt dem elektrischen Klavier sorgt nun ein leicht verstimmtes klassisches Pianino für die Begleitung. Nemorino taumelt vom Liebestrank besäuselt über die zur Bühne umfunktionierte Terrasse. Die Sänger schwitzen noch mehr als das Publikum. Weil ja bekanntlich der erste Liebestrank nicht hilft, Adina von Belcore wegzuführen und von Nemorio zu überzeugen, will der von Dulcamara einen zweiten, hat aber kein Geld. Also verpflichtet er sich zum Militär „per venti scudi“, und für diese zwanzig Scudi rückt der Quacksalber Dulcamara das „elisir d’amore“ neuerlich heraus. Alle diese Szenen machen den Sängern sichtbar ebensoviel Freude wie dem Publikum. „Wer kommt jetzt?“, fragt Mosè. Nemorino, und zwar mit seiner berühmten Arie „Una fortina lacrima….“ Dafür bekommt der junge Sänger zurecht großen Szenenapplaus. Die Stimmung ist insgesamt unglaublich angenehm. Was macht es schon, dass Adina im Zuge ihrer Erkenntnis, dass Nemorino ihr doch lieber ist, nicht alle Töne trifft. „Oh gioia, oh Freude“, singt Nemorino und als Dulcamara noch seine muntere Arie über die Kräfte seines „elisir d’amore“ markant zum Besten gibt, sind alle überhaupt zur Begeisterung entschlossen, inklusive Komjanc mal drei und uns beiden. Grosser Schlussapplaus!

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Jetzt kommt der zweite Teil der versprochenen Symbiose: Der Wein! Der Ribolla gialla und der Friulano von Franco Blazic sind sehr angenehme Weine. Der weiße „Collio“ – aus Friulano, Ribolla Gialla und Malvasia Istriana – von Edi Keber ist ja bekannt und geschätzt für kraftvolle Frucht und Struktur. „Passt gut zu einem kräftigen Essen“, kommentiert Roberto Komanc professionell. Mosè organisiert uns inzwischen noch etwas von dem Prosciutto, der für die Gäste aufgeschnitten wird. Und wir schließen uns einer Kellerführung Edi Kebers an. Ein eindrucksvoller Weinkeller, der unter anderem einen riesigen Raum mit Zementbottichen umfasst. „Stahltanks haben keine Seele, die Zementbottiche oder die Holzfässer schon“, erläutert Keber seine Produktionsphilosophie. Seine Weingärten liegen direkt an der Grenze zur slowenischen Brda. 50.000 „beseelte“ Flaschen pro Jahr erzeugt er also gemeinsam mit seinem Sohn Kristian.

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Unter dem prachtvollen Sternenhimmel dieser Sommernacht in den Weinhügeln des Collio trinken sich die Blazic- und die Keber-Weine jedenfalls besonders angenehm. Die Symbiose „Oper und Wein“ in den Hügeln von Cormons hat uns überzeugt! Salute, cin cin, Prost auf alle, die diese Idee hatten und sie so fein umgesetzt haben.

Sauris: Wieder Berge statt Hitze

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch

Ist es der Scirocco, der heiße Wüstenwind aus dem Süden? Oder einfach ein besonders dauerhafter „anticiclone“, ein Hochdruckgebiet von den Azoren? Egal, es ist einfach soooooo heiß! Und schwül! Da hilft nur: wieder Berge statt Hitze. Der letzte Ausflug hinauf nach Karnien ins Val Pesarina hatte sich diesbezüglich ja sehr bewährt.

Diesmal wollen wir nach Sauris. Da folgen wir hinter Tolmezzo der Straße entlang des Oberlaufs des Tagliamento viel weiter, bis Ampezzo. Dort geht’s dann rechts hinauf. Und zwar sehr hinauf. Eine schmale Straße, unzählige Kurven, fünf durch den blanken Felsen gehauene Tunnel, einer davon über 700 Meter lang. Kurz danach der Stausee von Lumiei. Die riesige Staumauer ist über 100 Meter hoch und in den 1940er Jahren errichtet worden. Wir bleiben stehen. Die Aussicht ist eindrucksvoll: Talabwärts die schmale Schlucht mit den furchterregend steilen Felswänden, in Richtung Talschluß der türkisblaue Stausee.

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Jetzt sind es bis Sauris di Sotto, also dem unteren Ort Sauris, nur noch wenige Kilometer, aber nach wie vor sehr kurvig angelegte Kilometer. Das Bergdorf auf etwa 1200 Meter Seehöhe präsentiert sich in der Sonne von seiner schönsten Seite. Wir wollen aber gleich einmal noch weiter hinauf nach Sauris di Sopra, den oberen Ort. Wir wollen es nämlich noch vor Mittag in das kleine Volkskundemuseum schaffen. Das Auto wird abgestellt. Eine alte Frau kommt die Straße entlang: „Buon giorno, da dove siete?“ Von wo wir sind? Aus Österreich! Nach dieser unserer Mitteilung lacht die Frau und wünscht uns schöne Ferien. Das tut sie in saurischer Sprache. Sauris / Zahre ist nämlich eine Sprachinsel. Die saurische Sprache, „de zahrar sproche“ ist eine südbairische Mundart, mit kärntnerischen, tirolerischen und althochdeutschen Elementen. So finden wir es dann im Museum beschrieben. Das Museum heißt „S’ haus van der Zahre“. Es zeigt das harte Leben der Bewohner, die über die Jahrhunderte mit den schwierigen Bedingungen des Berglebens umzugehen wussten. Buchweizen, Gerste, Kraut, Saubohnen, Wild, das Fleisch der Haustiere – die Ernährung war stets einfach. Apropos Fleisch der Haustiere: Hunger regt sich bei uns, Zeit wird’s für den berühmten Speck und Schinken von Sauris. Erst noch eine kleine Lektion in Saurisch: was auf italienisch „Io ho fame e sono stanco“ und auf deutsch „Ich habe Hunger und bin müde“ heißt, heißt auf saurisch „I on hunger unt i pin miede“.

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Für unseren Hunger ist es jedenfalls noch zu früh, erst gehen wir zur Kirche San Lorenzo. Dort erfreut ein prächtiger spätgotischer Schnitzaltar unsere Augen, ein Michael Parth aus Bruneck hat in 1551 gefertigt.

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Als wir weiter durch den Ort spazieren, fällt uns ein Schild „Zahre Beer“ auf. Hatten wir nicht im Val Pesarina einen Rindsbraten in Bier aus Sauris gegessen? Und uns gewundert, weil wir zwar natürlich Speck aus Sauris kennen, aber nicht wussten, dass in Sauris auch Bier gebraut wird? Jetzt aber los, das Bier in purer Form kosten! In der „Speck-Stube“ schenkt uns der Wirt Flavio zwei Gläser ein: ein Pilsener und ein „Affiumicato“, also ein geräuchertes Bier. Beide sehr gut!

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Wir fahren hinunter nach Sauris di Sotto. Die dortige Kirche ist dem heiligen Oswald geweiht und birgt auch einen prächtigen Schnitzaltar des Michael Part. So, jetzt ist aber endgültig Zeit fürs Kosten der örtlichen Küche. Diesbezüglich ist man bekanntlich im Ristorante Alla Pace der Familie Schneider bestens aufgehoben. „Padrona“ Franca fragt bezüglich der Vorspeise gar nicht lange: Der berühmte geräucherte Schinken, Speck und Lardo müssen einfach gekostet werden, dann ein „Tris“ aus einem Stückchen Gemüse-Lasagne, Gnocchi aus Brotteig und Kräuterravioli als Primo Piatto. Da sind wir schon plattvoll. Aber man verlässt das Alla Pace nicht ohne Secondo Piatto: Buchweizen-Polenta mit Eierschwammerln empfiehlt Franca, beziehungsweise „per il signore“, für den Herrn das Hirschgulasch. Jetzt ist Spazierengehen unerlässlich. Zur Produktionsstätte des Sauris-Schinkens und –Specks geht es zwecks Kalorienabbaus bergauf. Die Familie Wolf erzeugt seit etwa 150 Jahren die typischen „salumi“ von Schinken bis zu Würsten. Wir kaufen – für den Fall, dass wir jemals wieder etwas essen können nach unserer mittäglichen Völlerei – noch einiges ein. Jetzt aber wieder rasch runter ins Tal, denn es zieht sich ein ordentliches Gewitter zusammen.

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Die unzähligen Kurven also wieder bergab….bis zum nächsten Stopp unten in Ampezzo. Dieser nette, kleine Ort hat vis-a-vis des Municipio nicht nur eine „Osteria al Vaticàn“ zu bieten (wer sich da wohl in diesem Bergtal dem Vatican besonders verbunden fühlt?), sondern auch ein Museum, das uns die Geologie Karniens erklären kann. Zum Beispiel zeugen versteinerte Muscheln und Schnecken davon, dass Karnien im Mesozoikum vor mehr als 200 Millionen Jahren von Meer bedeckt war. Die Temperatur im „Museo geologico“ erinnert uns rasch daran, dass es mit der frischen Bergluft für diesmal wieder vorbei ist.

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Das Gewitter kommt uns zwar auch nach Ampezzo nach, aber die paar Tropfen ändern an unseren nächsten Schweißausbrüchen auch nichts. Für heute hilft da nur noch die Klimaanlage im Auto – auf der Heimfahrt.

Mittags baden, abends Oper „in piazza“

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch

Soll noch einer sagen, dass Hitzetage nicht auch abwechslungsreich sein können: Mittags sind wir bei Franca Maldini, der Witwe des Dichters Sergio Maldini, eingeladen. Herrlich, ihr Swimmingpool ! Das finden nicht nur wir, sondern auch Francas Freunde Federica Ravizza und ihr Mann Salvatore Errante Parrino sowie zwei österreichische „dottoresse“, Bekannte Federicas. Die heiße Mittagszeit im kühlen Türkisblau des Pools zu verbringen und danach im Schatten von Francas Gartenhaus gemeinsam einen Imbiss zu nehmen, das ist Lebensqualität!

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Für den Abend ist Kultur angesagt: Wir haben uns Karten für die „La Traviata“- Aufführung am Hauptplatz von San Vito al Tagliamento besorgt. Fast jedes Jahr pilgern wir zu den Freiluft-Opern in San Vito. Sie sind immer ein amüsantes Spektakel. Diesmal wird also auf der Piazza del Popolo dem 200. Geburtstag Giuseppe Verdis mit der 1853 in Venedig uraufgeführten „Traviata“ Tribut gezollt.

20 Uhr, die Leuchtanzeige bei der Apotheke auf der Piazza zeigt 30 Grad. Wir brauchen noch rasch einen Sprizz Aperol. Rasch vor allem deshalb, weil der Kellner uns mitteilt: „Um 20.30 h müssen wir die Tische wegräumen, sonst bekommen wir eine Strafe.“ Zwei Polizisten streifen schon von Bar zu Bar und machen sich mit strengen Blicken und Hinweisen wichtig, dass Ruhe zu herrschen habe bei der Aufführung. Die findet in der durch Holzwände abgetrennten Hälfte des Platzes statt. An die 1000 Sitzplätze füllen sich rasch.

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Die Beginnzeit von 21 Uhr ist noch nie eingehalten worden. Auch diesmal nicht. Es ist fast 21.30 h als der Sindaco, der Bürgermeister, die Worte ergreift. „Der Gemeinderat von San Vito ist solidarisch mit den Arbeitern des Ideal-Standard-Werkes in Orcenico. Alles soll getan werden, damit die Fabrik nicht geschlossen wird und die 360 Arbeitsplätze erhalten bleiben!“ lautet seine erstaunliche Begrüßung. Heftigen Applaus bekommt er dafür.

Mit leisen Tönen beginnt nun die Ouvertüre. Das Folgetonhorn eines Rettungswagens hinten an der Hauptstrasse übertönt sie fast. Es ist heiß. Die Programme werden als Fächer verwendet. Violetta tritt auf und rasch ist klar: Netrebko ist sie keine, ihr Sopran ist ziemlich metallisch. Alfredo tritt auf. Keine große Stimme, aber ein recht ordentlicher Tenor.

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Außerhalb des Zuschauerbereichs Geklingel von Fahrrad-Glocken, ein paar Mal an leisen Stellen. Kinder quietschen. Eine sehr dicke Frau in der Reihe hinter uns macht „Pssst!“, als ob das wer hören könnte dort, wo die Geräusche herkommen. Der erste Akt ist rasch vorüber. Pause. Licht an auf der Piazza. Beine vertreten. Zweiter Akt. Wieder fährt ein Rettungswagen akkustisch durch den Beginn. Auf der Bühne bewegt Alfredos Vater Violetta zum Verzicht auf seinen Sohn. Violetta weint. Im Auditorium brüllt ein Kleinkind: „Mamma!“ Oben am tintenblauen Himmel das Sternbild des Großen Wagens. Herunten weht ein etwas kühleres Lüftchen über die verschwitzten Zuhörer. Die Inszenierung ist….na, sagen wir: ziemlich statisch. Alfredo erfährt vom Abschied Violettas. In einer nahen Gasse bellt ausdauernd ein Hund. Alfredos Vater bekommt eine Menge Applaus. Sein Bariton erfreut alle. Ende der 1.Szene des zweiten Aktes. Pause. Wir mögen einen Prosecco. Kein Problem. Die Absperrung zur Bar unter den Arkaden lässt sich leicht verschieben. In der Bar liegen Zeitungen. Im „Gazettino“ lesen wir: Von der Regionspräsidentin bis zum örtlichen Gewerkschaftschef sind alle empört über die Ankündigung des internationalen Konzerns Ideal-Standard, das Werk in der Gegend zu schließen. Licht aus.

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Zweite Szene zweiter Akt. Kinder, Hunde und Radfahrer sind offenbar schlafen gegangen. Das Fest, das auf der Bühne das Drama weitertreibt, geht geräuschmäßig ziemlich ungestört von statten. Bis auf die Tochter der Dicken hinter uns, die aus einer Wasserflasche trinkt und dabei knarrend das Plastik verdrückt. Ende der Szene. Applaus und „Bravi“- Rufe ! Die Sänger erobern also zusehends Ohren und Herz der Zuhörer. Pause. Es ist Mitternacht, als der dritte Akt beginnt. Addio, singt Violetta. Es ist mucksmäuschen still. Violetta hustet. Wie auf Kommando setzt einiges an Husten auch im Publikum ein. Auch im „Bühnen-Sterben“ ist Violettas Sopran noch ziemlich schneidend. Dann fällt Violetta um. „Morta“, kommentiert trocken die Dicke hinter uns. Nein, noch ist Violetta nicht tot. Das Duett mit Alfredo fehlt noch. Das gelingt gut. Jetzt ist Violetta wirklich tot. Was die Dicke zu keinen weiteren Kommentaren veranlasst. Viel Schlussapplaus. Etliche „Brava“-Rufe für Violetta, mehr „Bravo“-Rufe für Alfredo, am meisten „Bravo“-Rufe für Alfredos Vater. Die Stimmung des Platzes hat alle wieder einmal gefangen, die „opera“ samt allen Rundum-Geschehnissen und Geräuschen. Es ist 1 Uhr. Die Leuchtanzeige bei der Apotheke zeigt 25 Grad. Wir werden nächstes Jahr wieder kommen.

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