Grado: Auf den Spuren des Dichters
Biagio Marin (1891-1985)

Written by Gisela & Franz. Posted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch

Die Bora, der eisige Ostwind, fegt über das winterliche Grado. Nicht nur wir frieren nach ein paar Schritten das Meer entlang.

„….soffia la bora nella notte chiara / gridando e urlando come un disperato…..die Bora bläst in der klaren Nacht / schreiend und rufend wie ein Verzweifelter…..“

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Der Dichter Biagio Marin schrieb über seine Heimat Grado eine Vielzahl von Gedichten, er schrieb vom Wind, von der Lagune, vom Meer, den Sternen, der Landschaft und machte – so analysierte der große Schriftsteller Claudio Magris – aus der literarischen Landschaft Grado einen poetischen Mythos.

Es ist ziemlich genau 30 Jahre her, dass Biagio Marin starb – am 24.Dezember 1985. Deshalb widmen wir ihm diesen Winterspaziergang in Grado. Die Piazza vor dem Rathaus ist nach Marin benannt, der von sich selbst sagte: „Ich habe immer im Dialekt geschrieben, denn ich kann ja nicht italienisch“. Faktum ist, dass er seine ersten Verse auf deutsch schrieb, denn er war zweisprachig bei der Großmutter in Gorizia aufgewachsen. Dann schrieb er in jenem Gradeser Dialekt, der auf ganz besondere Weise venetische Elemente erhalten hat. Grado gehörte ja vom späten Mittelalter bis zum Ende des 18.Jahrhunderts zu Venedig. In Florenz, in Wien und in Rom studierte Marin Philosophie und Literatur, kämpfte im Ersten Weltkrieg in der italienischen Armee gegen die Österreicher, und arbeitete dann als Lehrer und als Bibliothekar, letzteres in Triest bei den Assicurazioni Generali. In Grado ist übrigens die Stadtbibliothek in der Via Leonardo da Vinci (nördlich des alten Hafens Porto Mandracchio) nach Biagio Marins Sohn Falco Marin benannt. Nicht weit davon entfernt in der Via Marchesini liegt das Veranstaltungs- und Theaterzentrum „Auditorium Biagio Marin“.

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Wir spazieren das Meer entlang zum Parco delle Rose, dem größten Park von Grado, der vom östlichen Ende der Fußgängerzone Via Dante Alighieri (beim Eingang zum Hauptstrand) etwa 500 Meter in Richtung Osten reicht. Hier steht ein großes Denkmal für Biagio Marin, errichtet 1991 zu seinem 100.Geburtstag. Der Platz ist wohl nicht zufällig gewählt: Biagio Marin war ab 1923 vierzehn Jahre lang Direktor der nahegelegenen Bade- und Kuranstalt Grado. In dieser Zeit war der Ort besonders bei den Gorizianern und den Triestinern in Mode, die Ära als beliebtester Badeort der Habsburgermonarchie war ja mit 1915 (dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg) zu Ende gegangen.

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Marins dichterische Welt mag nicht jedermanns Geschmack sein….. seine Sprache, sein Wortschatz mögen antiquiert erscheinen, doch manch leuchtende Abendstimmung am Meer findet jedenfalls ihre Entsprechung in Marins poetischen Zeilen. Viele Auszeichnungen und Ehrentitel wurden Marin schon zu Lebzeiten verliehen. 1981 war er sogar für den Nobelpreis für Literatur nominiert, bekommen hat er ihn allerdings nicht.

Ab 1968 lebte Marin zurückgezogen in seinem Haus nahe dem Strand in Grado, publizierte trotz großer Sehprobleme weiter seine Gedichte und wurde in den 1970er Jahren in ganz Italien bekannt, nicht zuletzt, weil sich Pierpaolo Pasolini und Claudio Magris mit seinem Werk beschäftigten. „Biagio Marins Dichtung hat keine Innenflächen, sie ist ganz dem Licht zugewandt“, hat Pasolini geschrieben.

Wir gehen vom Marin-Denkmal nun in Richtung Norden und auf den Friedhof. Der liegt auf der Isola Cove, die durch eine kleine Brücke mit der Hauptinsel Grado verbunden ist. Hier ist Biago Marin begraben, ebenso seine Frau Pina. Wir gehen vom Haupteingang gerade nach hinten, etwas nach rechts und finden den einfachen, grauen Grabstein, davor ein aufgeschlagenes Buch in Metall gegossen mit ein paar Textzeilen. Und es geht uns durch den Kopf, wie Biago Marin sich selbst beschrieben hat: „Ich sollte nur die Stimme meiner Insel, die Stimme Grados sein, und sonst nichts.“

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Kommentare (1)

  • Martina H.

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    Vielen Dank für diesen interessanten und genauen Bericht.
    Dank Ihnen konnten auch wir den von Spuren Biagio Marin folgen.

    Klagenfurt am Wörthersee, März 2018

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