In und um Triest: Die Barcolana
und uralte Olivenbäume

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch, Plfanzen

Was für uns eine Premiere war, war für Triest die Nummer 50: Die Barcolana. Mehr als 2600 Boote haben an diesem fantastischen Oktober-Sonntag an der größten Segelregatta der Welt teilgenommen. Von der Strada Napoleonica aus haben außer uns noch tausende das Spektakel beobachtet.

Man muss – wie wir – Glück haben, wenn man an solch einem Sonntag Vormittag in Opicina noch einen Parkplatz ergattern will. In langen Schlangen quälen sich Autos auf den umliegenden Straßen. Tausende wollen von hier oben auf die Barcolana schauen. Vom Obelisk in Richtung Prosecco führt ein Spazierweg, der Strada Napoleonica genannt wird, weil ihm einst Napoleons Truppen den Namen gaben, die hier nach Triest marschiert sind. Aber der Weg wird auch ‚passeggiata vicentina‘ genannt – nach dem Ingenieur Vicentini, der den Weg errichtet hat. Von hier aus öffnen sich wunderbare Ausblicke auf den Golf von Triest, zwar anfangs etwas von Bäumen verdeckt, aber dann kann der Blick immer freier auf das Meer hinaus schweifen. Was natürlich an Tagen der Barcolana eine besondere Attraktion ist. Dicht gedrängt wandern die Besucher den Weg entlang und beobachten die tausenden Schiffe, die Regattateilnehmer genauso wie die Motorboote, die die Wettfahrt begleiten. Die Barcolana zieht sich ja über Stunden, denn selbst wenn das Siegerboot (heuer die ‚Spirit of Portopiccolo‘ die Route in weniger als einer Stunde erledigt hat, die tausenden Boote dahinter bilden bis in den frühen Nachmittag Ornamente auf dem blitzblauen Meer.

Für den Nachmittag hatten wir uns ein Alternativprogramm vorgenommen. Im vergangenen März hatten wir bei der triestiner Olivenöl-Messe ‚Olio Capitale‘ den Olivenöl-Produzenten Glauco Petaros kennengelernt und ihn gefragt, ob er uns in den Olivenhainen rund um Triest ganz alte Olivenbäume zeigen kann. Ganz alt bedeutet in diesem Fall, dass die Bäume seit 1929 wachsen. Denn damals hatte extremer Frost die Olivenkulturen vernichtet. Aus einigen Wurzeln abgefrorener Bäume sind neue gewachsen. Und die interessieren uns, weil doch knorrige Olivenstämme zu den schönsten Bäumen überhaupt zählen. Jetzt, da die Olivenernte bevorsteht, ist natürlich eine besonders gute Zeit, um solche Bäume zu sehen und zu fotografieren. Glauco Petaros hat uns hingeführt, nicht ohne uns zuvor in seinem Heimatort Sant’Antonio in Bosco, in Bagnoli und in Dolina (Orte, die zur Gemeinde San Dorligo della Valle oberhalb von Triest gehören) Reste uralter Pressen zu zeigen, mit denen schon vor hunderten Jahren Oliven gepresst und Öl erzeugt worden ist. Besonders interessant dabei jene Kalksteinbasis einer Presse in Bagnoli, in die durch den jahrhundertelangen Gebrauch die Säure des Öls Rillen eingegraben hat. Oder jener Raum in Dolina, in dem sich noch ‚Frantoi‘ finden, mit denen die Oliven erst gequetscht und dann gepresst wurden, wie uns dort auch Giorgi Zorko kenntnisreich erzählte.

Im Triestiner Ortsteil Servola hat Sergio Suman seinen Weingarten, zu dem uns Glauco Petaros führte. Genau jene etwa 90 Jahre alten Bäume, die seit 1929 wachsen, bekamen wir hier zu sehen, voll von prächtigsten Oliven. Gastfreundlich führte uns Suman noch in seinen kleinen Weinkeller, um uns seinen Refosco probieren zu lassen. Kraftvoll und vollmundig war der. Retour nach San Dorligo della Valle war dann Glauco Petaros‘ eigener Olivenhain das nächste Ziel. Welch prächtige alte Bäume, deren Äste sich unter der Last ihrer Oliven biegen. Ein Ort, mit fast mystischer Atmosphäre! Aus den Konturen der Bäume scheinen im Schatten der Dämmerung fast Lebewesen zu werden, die von ihrer langen Geschichte erzählen mögen. Danke an Glauco Petaros, dass er uns diesen erlebnisreichen Sonntagnachmittag geschenkt hat!

Im Zeichen der Kräuter

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Friaul-Tagebuch, Küche, Plfanzen, Wein

Ennio erzählt über Kräuter und was sie können, Ennio kocht und Ennio führt einen Kräuterspaziergang – mit Ennio Furlan in die Welt der Wildkräuter einzutauchen ist, immer ein Erlebnis. Diesmal stand ein Sonntag in der Azienda Ferrin ganz in diesem Zeichen.

Eine ganze Gruppe Interessierter widmet Ennio ganz ihre Aufmerksamkeit. Man kann von ihm, dem Kräuter- und Pilzexperten jede Menge lernen. Ennios eigentlicher Beruf ist Koch. 47 Jahre seines Lebens hat er höchst erfolgreich in den renommiertesten Trattorie und Ristoranti des Friaul aufgekocht. Dass er jetzt theoretisch in Pension ist, daran denkt weder er noch tun es die, die ihn kennen. Er hat einen Terminkalender wie ein Generaldirektor – so gefragt ist er, als Koch und Ratgeber bei einer Fülle von kulinarischen Veranstaltungen, als Führer bei Kräuter- oder Pilzwanderungen, als Vortragender. Erstaunlich, dass Ennio auch noch Zeit findet zum Bücherschreiben. Die Bücher „Erbe…. e dintorni“ und „Funghi…..e dintorni“ spiegeln seine ganze Leidenschaft für diese Themen wieder. Ein drittes Buch erscheint demnächst.

Die Jubiläen des Bepi Della Mora

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Friaul-Tagebuch, Plfanzen

Dieser Tage hat uns in Varmo Bepi Della Mora besucht. Er wohnt im Nachbarort Santa Marizza und ist in der ganzen Gegend als ein besonders netter, kreativer Kopf bekannt. Er hat uns gezeigt, wie er den vergangenen Juni als seinen Jubiläumsmonat festgehalten hat.

Wenn Bepis alter blauer Ford Fiesta vor unserer Tür hält, dann gibt es stets etwas Besonderes zu erfahren. Diesmal hat Bepi eine Tafel mitgebracht. Darauf hat er festgehalten, dass das Jahr 2016 für ihn ein ganz besonderes ist: Er ist im Juni 90 Jahre alt geworden, seine Frau Elda ist heuer 80, heuer sind die beiden 60 Jahre verheiratet und der alte Ford hat genau 40 Jahre auf dem Rücken. „Alles zusammen: 270 Jahre!“, stellt Bepi stolz fest. Wir gratulieren und stoßen darauf mit unserem Wein an. „Saluti, cincin! Gratulation, Bepi!“ Seine Freunde haben ihm auf einem Stück Rinde auch einen netten Spruch gewidmet: „Danke Bepi, weil du uns unterhältst, weil Du uns etwas beibringst mit deinen Geschichten, die Du in Szenen darstellst! Die schönste sind deine 90 Jahre!“ Bepi hat es sich nämlich zur Gewohnheit gemacht an der kleinen Brücke über den Bach zwischen Varmo und Santa Marizza aus verschiedensten Materialien Figuren und Szenen zusammenzufügen, mit denen er Geschehnisse kommentiert, die ihn bewegen. Was alle Vorbeifahrenden heftig bewundern. Derzeit stehen dort zwei kleine Esel, die mit einer Kette verbunden sind, aber jeder zieht in eine andere Richtung. Und so kann keiner sein Futter erreichen. Darunter hat Bepi geschrieben: „Wenn es keinen Dialog gibt……“ Bepi bastelt gerne. Derzeit gerade Augen aus Marillenkernen. Die sollen Glück bringen. Er hat uns auch welche mitgebracht.

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Und Bepi wünscht sich ein Foto von der Tafel mit seinen heurigen Jubiläen, zusammen mit seiner Frau und dem Auto. Wir sind gleich Feuer und Flamme: „Natürlich kommen wir und machen so ein Foto!“ „Hoffentlich kann ich Elda davon überzeugen, sich fotografieren zu lassen“, macht er sich ein bisschen Sorgen. Aber die sind überflüssig. Als wir zwei Tage später zu ihm nach Santa Marizza kommen, sind gleich ein paar Fotos gemacht, wie er sie sich wünscht. Dann zeigt er uns wieder einmal die Räume, in denen er aus Stroh, Glas, Karton, Farbe und vielem mehr seine Figuren und Szenen bastelt. Seine Frau Elda ruft uns auf ein Glas Prosecco ins Wohnzimmer. Dort bekommen wir ein Buch gezeigt, in dem sich das Foto einer riesigen Schwarzpappel befindet. „Diesen Baum müssen wir noch anschauen“, sagt Bepi und schon fahren wir den kurzen Weg hin zu dieser Pappel. Sie ragt zwischen den Feldern auf wie ein Turm, prächtig und voller Kraft. Bepi hat ein Schild an den Stamm gehängt: „Umfang 4.50 Meter“. Er setzt sich auf die kleine Bank darunter und schaut mit ganz begeisterter Miene hinauf in die Baumkrone. Auch wir spüren die Ausstrahlung dieser herrlichen Baumes und fühlen uns sehr gut dabei. Möge der Baum Bepi und seiner Elda noch Kraft für viele weitere kreative Jahre geben!!!

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Rivignano: Tag des Veilchens
bei Mirella Collavini

Geschrieben von Gisela & Franz. Geposted in Aktuelles, Friaul-Tagebuch, Garten, Plfanzen

Am späten Samstag Nachmittag schickt Giordano Turco ein SMS: „Morgen findet in Rivignano ‚una mostra delle viole’ in der Villa von Signora Collavini statt, sie lädt Euch dazu ein!“ Wir zögern erst: Für morgen ist doch Regen angesagt?! Als wir kurz danach vor unserem Haus stehen, bleibt ein Lieferwagen stehen und ein Mann steigt aus: „Ich bin Claudio De Monte. Sie kommen doch morgen in die Villa Collavini, Giordano hat Sie ja schon informiert?! Die Ausstellung ist unter Dach, es gibt auch bei Regen viel zu sehen.“ Wir sagen also zu und fahren Sonntag Vormittag mit Giordano und seiner Frau Giuliana die vier Kilometer nach Rivignano hinüber. Es regnet in Strömen und der Wind bläst heftig. Die Villa Collavini ist wunderschön und Signora Mirella Collavini begrüßt uns herzlich. „Ein Gläschen Prosecco mit Veilchensaft ?“ „Danke, sehr gerne“!

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Wir bringen Signora Collavini auch etwas speziell Passendes mit: Eine Flasche der Rotwein-Cuvee namens ‚Viola‘ von unseren niederösterreichischen Winzerfreunden Ladentrog! Wie für diesen „Dies Violae“ (Tag des Veilchens) gemacht! Im Italienischen wird das Wort „viola“ sowohl für Veilchen als auch für Stiefmütterchen verwendet, entsprechend der lateinischen Bezeichnung für die Pflanzenfamilie „Violaceae“, der beide ja angehören.

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Beide – Veilchen wie Stiefmütterchen – werden in der Villa Collavini speziell gepflegt. Signora Mirella hat viele verschiedene Sorten gesammelt beziehungsweise aus Samen gezogen. Claudio De Monte fragt: “Kennen Sie die Viola di Udine? Diese duftenden Veilchen haben eine gefüllte Blüte und waren schon am Kaiserhof der Habsburger sehr beliebt.“ Richtig, uns fällt ein, dass ja Kaiserin Elisabeth Veilchen liebte, als frische Blüten und auch kandiert. Diese kandierten Veilchen gibt es doch bei uns in Wien nach wie vor. Haben wir nicht noch eine dieser berühmten kleinen Dosen zu Hause? Natürlich! An einem Tag wie heute leiden jedenfalls die zarten Veilchen „di Udine“ im heftigen Regen und ihren Duft können wir uns auch nur vorstellen.

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Signor Claudio führt uns in den Garten der Villa. Zwar schüttet es immer mehr, aber dieser Garten ist trotzdem ein Erlebnis, mit seinen üppigen Pflanzen, den riesigen Bäumen, vielen Buchsbaumsträuchern, einer Rosengalerie, einem Teich und vielem mehr. Drinnen in einem der Räume werden gerade einige Gäste in der Kunst des Flechtens von Weiden-Herzen unterwiesen. Nebenan lernen wir Franco Fontanel kennen, er ist als Gärtner und Dekorateur in San Martino al Tagliamento tätig.

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„Da ist Feruccio Carassale, auch er wollte Sie kennenlernen“, stellt uns Signor Claudio einen freundlichen Herrn vor, der mit Fotoapparat und Stativ auf der Schulter durch die Tür kommt. „Piacere!“ Ferruccio Carassale ist ein renommierter Profi-Fotograf aus Bordighera an der ligurischen Küste, der unter anderem für die bekannte italienische Gartenzeitung „Gardenia“ fotografiert. Er kennt Signora Mirella seit langem. „Ich habe schon die Gärten im halben Friaul fotografiert“, erzählt er von seiner Leidenschaft für Gärten und Pflanzen. Signor Claudio und Giordano Turco berichten ihm von unseren Friaul-Büchern, was den Fotografen merkbar sehr interessiert. Rasch sind unsere Kontaktdaten ausgetauscht und wir laden ihn ein, bei einem seiner Friaul-Besuche doch bei uns vorbei zu schauen. „Volentieri“, gerne will er das das nächste Mal machen.

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Wir gehen zurück in den Raum, in dem wir den Begrüßungssekt bekommen haben. Dort gibt es jetzt geistige Nahrung. Roberto Maurizio, ehemaliger Professor für Literatur, Philosophie und Kunst, zieht einen Gedankenbogen von den Veilchen-Zeichnungen des Leonardo da Vinci hin zu dessen berühmtem Bild der Gioconda, also der Mona Lisa. „Leonardo hat das Veilchen studiert, um die Natur zu erforschen und was man von ihr lernen kann, um Neues zu erfinden. Im Mona Lisa-Bild ist ja nicht nur ‚La Gioconda’ zu sehen, sondern im Hintergrund die ganze Welt. Die Perspektive führt in die Tiefe….und die Perspektive ist die Entdeckung, dass der Mensch das Filter ist von allem, was passiert. Leonardo hat den Menschen als Interpreten der Natur entdeckt. Schaue und lerne! Das ist die philosophische Größe seiner Bilder, des Veilchens wie der Gioconda!“

Grazie, Roberto Maurizio! Alle applaudieren. Wir bedanken uns bei Signora Mirella, Signor Claudio und allen anderen, die uns einen bereichernden Sonntag Vormittag beschert haben, und begeben uns nach Hause – bei Regen und heftigem Sturm, der an der Straße sogar einen Telefonmast geknickt hat.